Sammelwerk 2017

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Ich habe in der hundertsiebenundsiebzigsten Nacht in Folge drei Stunden und zwei Minuten geschlafen, habe mich mit dem Ballast eines Jahrzehntes durch den Tag getragen, habe zum Abendbrot dreihundert Gramm Möhren geschält und sie neunhundert Sekunden köcheln lassen. Habe vom kurzen Wochenende am See fünfzehn neue Mückenstiche an den Knöcheln und vier weitere Höhepunkte mitgenommen. Bin gestern für sechsundzwanzig Taler und achtundvierzig Groschen einkaufen gewesen, mit dem Rest als Trinkgeldspesen für mein flüssig Brot ohne Tresen.

Ich bin die Börse ohne Geld, die mal steigt und eher fällt. Wenn ihr nicht gefällt, was alles geschieht in der dünnhäutigen Welt. Was dann wirklich zählt: dass der letzte Notschein nicht fehlt, wenn die nummerierte Zahlenfolge die aktive Buchstabenbegrenzung quält.

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Ein Flugzeug fliegt, irgendwo. Ich sitze nicht darin. Alle Straßen sind leer und alle Häuser weg. Ich schwirre durchs Urbane und sehe doch vor lauter Bäumen den Wald nicht ganz. Wenn ich verstehen will, wo ich mich befinde, muss ich mich in Bewegung setzen. Wieder einen Schritt nach dem anderen machen. Meine Füße, sie bringen mich an Ort und Zeit, meine Schuhe, sie finden den Weg für meinen Körper, finden die Buchstaben in meinem Kopf für alle unausgesprochenen Wörter. Meine Vans lassen mich erst hängen, wenn ich sie spät nachts abstreife und alles aufschreibe. Ich bleibe. Noch kurz hinter den sich öffnenden U-Bahn Türen stehen und fast wie ausversehen springe ich dann auf den Bahnsteig, in letzter Sekunde. Lesson learned: nur wer wagt, der lernt. Und earned. Und dass es wirklich nicht wichtig ist, welche von all den Türen man nimmt, solange man bedacht ist, wie man sie durchschreitet.

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Reinkultureller Frischfrost macht sich an meinen Schuhen zu schaffen und legt sich bereits am jungen Abend trügerisch auf die warmgefahrenen Feierabendautos dieser Straßen. Meine Straße endet in einer Sackgasse und mündet am Kanal. Mein Freiheitsentzug ist plakatiert und hat bunte Wände. Man darf hier rauchen und rauschen, essen und schlafen wann man möchte, mal mehr und mal weniger. Man kann es deuten wie man möchte; es ist Auslegungssache. Mein augenscheinlicher Globus, das ist eine gut überschaubare Einmündung am hölzernen Steg des halbmittelständischen Bestehens. Eine Sackgasse hat etwas in sich Schließendes; ich schließe die Wohnungstür zum Mehr, zur guten Brücke, zur weichsandigen, letzten Bucht. Hier gibt es dekorative Fotos nebst frohlockenden Bändern und hübschen Verkleidungen an den Rändern, sowie gut sortierten Platten auf den Tellern. Zwar bin ich auf freiem Feld mit gutem Dünger und bestknospersten Voraussichten gewachsen. Doch scheint es, als gleiten heute nur noch Mauern und Wände durch meine kopfgesteuerten, immer viel zu vollen Hände. In einer viel zu leeren Metropole habe ich gesehen: es sind die Robben an der östlichen Mole, die wirklich springen.

You are free!, spring.

Winter. Wir sind. Und haben.

Fernweh, aller guter Grenzen nah.

So zieht es mich vorbei an zufriedenen Kühen und an Kleeblättern, die auf Butterstücken blühen. Pasteurisierte Sahne to go und auch zum Sprühen. Mein Deutschland ist das innerfeste Kriegsgebiet, in dem es zu viel Stillstand gibt. Wer stellt die Weichen und wer ist dergleichen unter dem immer Gleichen? Ich bevorzuge Striche unter dem Karierten und Streifen gegen die Resonanz, Askese und Tanz. Nach all den zapfenstreichigen Sperrungen im gelösten Narrentum bin ich da, wo ich nicht bin. Währenddessen, unter einer Sturzflut von Licht, erscheint der öffentliche Dienst zur Nachtschicht und am Bahnhof im nirgendwo/indie go dann die tränenreiche Erkenntnis letztkonstruierter Tage: Triebwerksstörung im Drüsenjet, die Apparaturen schalten selbstständig von hin auf her, im Batteriefach ist die Kopfzelle leer. Beim Soopersonderwunderhandel gibt es diese Sorte jedoch schon längst nicht mehr.

You are free, aber zu welchem Preis? Ich lockere das Kabel zu meinem iPod, Wackelkontakt.

BABY DONT GROW UP: ITS A TRAP.

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Die Zehenspitzen sind kalt, hier im lichterlosen, verblätterten Schreib- und Buchstabenwald. Tausche Harfen gegen Harken, mit denen ich beginne das Verjährte zu harken. Die Wölfe jaulen leise und kreisen mich ein, scharenweise. Ich schaue ihnen in die Augen, hebe meinen Bleistift, eine großmaulige Parole auf den Schreibpazifismus entweicht meinen müden Sprachorganen, der Rudel schwingt ehrfürchtig alphabettüchtig seine weißen Friedensfahnen, beruhigt kann ich nun aufatmen, in meinem selbsternannten dschungeligen Garten am Wald, in dem es vor Wolfsgeheule zum freundlichen Abschied nun lieblich schallt. Es beginnt zu tröpfeln aus den Wolken, wie gut, dass ich die blaugelben Gummistiefel trag‘ und das beschützende Opinel bei mir hab‘.

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Ein Löwe kämpft in mir. Ein Tiger schläft unter meinem Bett. Zu viele Affen auf den Schultern für zu wenig Zucker am Tag. Und klack und zisch: Die Beine unter meinen Tisch! Frischgeköpfter Fisch und Spaghetti Eis zum Nach- am sesamkörnerverkrümelten Tisch. Zusammenbrechen wenn alles zusammenbricht. Doch es geschieht einfach nicht. Nichts geschieht einfach. Einfach geschieht nichts. Blaulicht, Rotstich, Gründepot, Schwarzmalerei. Hinterm finowfurter Regenbogen vermischt sich alles zu schönster Zuckerwatterei. Letharnei. Eins. Zwei. Bis nachts um Drei und nassen Füßen lassen die Zugvögel grüßen. Mit Leim und Molotow bewaffnet gestalte ich das Ortseingangsschild um. It wasn’t me, ich war es nicht. Lumdidum. Immer vierspurig und zweigleisig mit dem dreifach Blinker im Gepäck: Boredom, watch your back!